Demonstration gegen die Gründung der AfD-Jugend in Ilmenau

Am Samstag, den 17.01.2026 sollte der neue AfD Jugendverband Thüringen, die Generation Deutschland im Hotel Tanne in Ilmenau gegründet werden. Das Ilmenauer BUNTnis für Demokratie und Weltoffenheit organisierte Gegenprotest, dem auch enorm kurzfristig 200 Leute folgten.

Lesen Sie hier den Redebeitrag unseres Stadtratsmitglieds Julian Wüster nach.

Hi, ich bin Julian Wüster, ich bin Mitglied der SPD und seit anderthalb Jahren Mitglied des Ilmenauer Stadtrats. Ich muss euch etwas gestehen. Ich hatte absolut keine Lust auf diese Demo. Ich kann mir ganz viel Schöneres für einen Samstagmorgen vorstellen. Ihr hattet alle sicherlich auch alle schönere Pläne. Wer wäre eigentlich heute früh lieber bei seiner Familie geblieben? Hätte lieber Sport gemacht? Gemütlich frühstücken wollen? Hätte einfach nur ausschlafen wollen? Oder seinen Kater auskurieren?

Wir sind dennoch hier, weil wir genau wissen, das hier ist wichtiger. Wir sind hier aus unserem Verantwortungsgefühl heraus, wir dürfen nicht schweigen. Wir müssen unsere Grundrechte, demokratischen Prinzipien und unsere Mitmenschlichkeit verteidigen. Wir dürfen es nicht unwidersprochen stehen lassen, wir dürfen es nicht als normal hinnehmen, wenn sich heute in Thüringen ein formell aufgelöster rechtsextremer Jugendverband häutet und mit neuem Etikett draufgeklebt innerhalb einer rechtsextremen Partei mit einem Faschisten an der Spitze wiedergründet. Der Bundesvorsitzende der Höcke-Jugend, der sogenannten Generation Deutschland, vertritt ebenso rechtsextreme Positionen.

Die, die sich hier feige verkriechen, wollten sich verstecken, dachten, es kriegt hier niemand mit, dachten, in Ilmenau kriegt man keinen Gegenprotest zustande! Weit gefehlt!

Seid an dieser Stelle einmal laut für das Ilmenauer BUNTnis für Demokratie und Weltoffenheit und alle Menschen, die das hier so kurzfristig auf die Beine gestellt haben!

Danke an euch alle, die ihr aus Ilmenau und aus ganz Thüringen gekommen seid, um heute ein Zeichen zu setzen! Wir lassen das nicht unwidersprochen stehen! Seid einmal so laut, so dass uns ganz Ilmenau hört!

Was können wir von diesem Häuflein, was sich dadrinnen wiedergründet, erwarten?

Ich habe mir deren Statut mal durchgelesen, wie jüngst in Gießen beschlossen.

§2 des Organisationsstatus nennt acht Zwecke der Jugendorganisation, ich lese euch den ersten vor, weil damit schon alles gesagt ist.

Erster Zweck der Jugendorganisation ist „die Verbreitung des Parteiprogramms und des weltanschaulichen Gedankenguts der Partei und ihrer politischen Grundtendenz, insbesondere innerhalb der Jugend.“

Es geht also um Propaganda, um Indoktrination der Jugend, um das Heranziehen einer neuen rechtsextremen Generation, das möge in ihren Augen die neue Generation Deutschland werden. Und das dürfen wir nie und nimmer zulassen!

Schon viel zu weit ist das Gift in unsere Gesellschaft hineingesickert, schon viel zu sicher fühlen sie sich. Ich will euch mal ein paar ausgewählte Beispiele aus dem letzten Jahr hier in Ilmenau nennen, aus dem Stadtrat und auf der Straße:

  1. Ilmenau hat im September seinen allerersten CSD gehabt – ein großer Erfolg. Schaut euch mal die am Rand stehenden „Beobachter“ an. Für sich genommen arme Würstchen und halbstarke, die hier durch die Propaganda abgefischt werden aber in der Gruppe sich stark fühlen können. Und dann die offizielle Gegendemonstration mit einem ekelhaften Slogan, den ich hier nicht wiedergebe.
  2. Ruhm der Wehrmacht T-Shirts auch auf Festen in den Ortsteilen am Bierstand, auf dem Marktplatz, da versteckt sich keiner mehr.
  3. Anfrage der AfD-Fraktion im Stadtrat nach Anzahl der Änderungen des Geschlechtseintrags, ihr könnt euch denken, mit welchem Zungenschlag.
  4. Antrag der AfD-Fraktion auf Austritt der Stadt Ilmenau aus der Initiative „Weltoffenes Thüringen“ mit dem ekelhaften Einschlag „schützt unsere Kinder“.
  5. Schüsse mit Kunststoffgeschossen aus einem fahrenden Auto mit IK HH Kennzeichen heraus hauptsächlich auf Internationale Studierende auf dem Campus der TU Ilmenau
  6. Verkündung und entsprechende Abstimmung der AfD-Fraktion, keinen Vereinen mehr Födermittel zukommen zu lassen, die sich vor zwei Jahren am Aufruf der großen Demonstration in Ilmenau als Reaktion auf die Massendeportationspläne beteiligt hatten – ein Aufruf, der im Grunde nur das Grundgesetzt zitiert hat – Sie wollen die Vereine, die Initiativen, die Kirche, uns alle mundtot machen – aber das lassen wir nicht zu! Niemals!

Es gibt aber hier eine lebendige Zivilgesellschaft und Kulturszene, Veranstaltungen für alle, Ilmenau ist bunt und lebendig!

Wir müssen mit dem großen, fatalen Irrtum aufräumen, wenn Leute denken, und das ist der Fall bis in die Wählerschaft, ja auch Parteimitgliedschaft der AfD hinein, sie seien ja nicht betroffen. Am Ende sind alle dran, die nicht in die Weltanschauung eines Höckes passen.

Ich hatte, wo ich schon von dem Potsdamer Treffen und der Demo hier dazu gesprochen hatte, ein Gespräch mit einem Mitglied der lokalen AfD-Fraktion, der meinte, du weißt schon, dass wir nur die illegalen und kriminellen Migranten meinen. Möglicherwiese glaubt er das wirklich. Aber wir brauchen nur einen Blick in die USA zu richten, um zu sehen, wie das aussähe, wenn die neue Gestapo ICE die Leute von der Straße wegfischt, sie entführt, in Foltergefängnisse nach El Salvador bringt, sie ohne Kontaktmöglichkeit zu ihren Familien interniert oder Protestierende wie jüngst in Minneapolis einfach erschießt.

Zweites Beispiel, ich hatte ein Gespräch im Kommunalwahlkampf mit einem, der gerne auf die SPD schimpfen wollte, gut, kann ich erst mal verstehen. Wir haben lange gesprochen. Stellte sich raus, der war Gebrauchtwagenhändler aus Bad Salzungen, war Duzfreund von Höcke (zumindest tat er sich damit wichtig) und meinte, er habe viele Ausländer bei sich im Betrieb, die sagten ihm als Chef, sie hätten Angst, dass sie abgeschoben würden. Und nun würde er als ihr Chef sie beruhigen und ihnen sagen, sie seien nicht gemeint, das würde der Björn doch nur so sagen, nicht meinen.

Welche Verblendung, Verweigerung vor der Realität. Höcke meint alle, alle, die ihm in sein völkisches Weltbild nicht passen und irgendwann würde wohl die Gestapo oder SA bei allen von uns wieder klopfen. Bei politischen Gegnern, bei Ausländern und denen, die nicht arisch genug aussehen, bei Muslimen, bei den Juden, bei Transmenschen, bei Schwulen, bei Behinderten, bei den Unangepassten, den Intellektuellen, den Unbequemen, den Nichtkonformen, ja, bei allen, die hier heute auf der Demo sind.

Erstens stehen wir hier nicht nur für uns selbst, sondern für unsere Mitmenschen! Wir schützen unsere Mitmenschen! Wir stehen ein für die Mitmenschlichkeit und die Empathie.

Zweitens: Räumt in eurem Umfeld mit dem Irrtum auf, man selber sei ja nicht gemeint! Irgendwann ist es nämlich zu spät. Ich persönlich bin der Überzeugung, wenn eine Partei als gesichert rechtsextrem eingestuft wurde, hat das Verbot dieser Partei gefälligst geprüft zu werden. Bis wann wollen wir denn warten? Bis es zu spät ist, fürchte ich.

Ich möchte hier erneut den vielzitierten Pfarrer Martin Niemöller wiedergeben, wahrlich kein Widerstandskämpfer aber mit folgender, zu später, Erkenntnis:

„Als die Nazis die Kommunisten holten,

habe ich geschwiegen,

ich war ja kein Kommunist.

Als sie die Sozialdemokraten einsperrten,

habe ich geschwiegen,

ich war ja kein Sozialdemokrat.

Als sie die Gewerkschafter holten,

habe ich geschwiegen,

ich war ja kein Gewerkschafter.

Als sie mich holten,

gab es keinen mehr,

der protestieren konnte.“

Zum Schluss nenne ich hier noch mal die zehn Punkte für die Demokratie, wie vor zwei Jahren vorgetragen, erneut widergeben: Was können wir tun?

  1. Geht wählen!
  2. Seid politisch, diskutiert, widersprecht, hakt nach!
  3. Engagiert euch für die Gesellschaft!
  4. Schützt und stützt eure Mitmenschen!
  5. Nutzt Beteiligungsangebote!
  6. Seid kritisch!
  7. Werdet Parteimitglied. Ist mir auch egal, bei welcher! Nun, fast, ihr wisst schon.
  8. Unterstützt lokalen und unabhängigen Journalismus!
  9. Verpflichtet Politiker:innen auf Standhaftigkeit und Ehrlichkeit, erlaubt aber auch gut begründete Meinungsänderungen!
  10. Und als wichtigstes, mit die letzten öffentliche Worte, die Margot Friedländer vor ihrem Tod letztes Jahr gesprochen hat: Seid Menschen!

Bei der letzten Demonstration genau an dieser Stelle, als im Februar Tino Chrupalla hier im Hotel Tanne war (Schämt euch!) hat uns die lokale AfD via facebook wissen lassen: „Ihr seid nicht mehr, ihr seid nur lauter, doch bald werdet ihr noch nicht einmal mehr lauter sein“. Zeigt mir auch heute noch mal, dass das nicht stimmt, zeigt, mir dass wir mehr und lauter sind auch und auch mehr und lauter bleiben!