Kundgebung zum Weltfriedenstag „Friedensfähig werden“

Zum Weltfriedenstag 2025 luden DIE LINKE Ilmenau, SPD Ilmenau und die Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde Ilmenau gemeinsam zu einer Kundgebung am Kirchplatz. Es sprachen Christoph Macholdt (Linke), Pastorin Magdalene Franz-Fastner und Julian Wüster (SPD). Lesen Sie hier seine Rede im Namen der SPD Ilmenau nach:

Heute, vor genau 87 Jahren begann Hitler-Deutschland den wohl verheerendsten Krieg der Geschichte, mit dem Überfall auf Polen, mit dem Angriff auf die Westerplatte vor Danzig.

Ich war vor zwei Jahren selbst auf der Westerplatte, ebenjener Halbinsel vor Gdansk.

Das war eine merkwürdige Erfahrung, diesen Ort zu besuchen. Zunächst fährt man als Tourist von der wunderschönen Danziger Altstadt mit einem Touristenboot durch den Hafen, legt an der Westerplatte an und ist auf einmal Gedenkstättenbesucher. Zumindest mir ging es so. Man wird empfangen durch den aus Trümmern zusammengesetzten Schriftzug „Westerplatte“. Man sieht die heute vor 86 Jahre zerschossenen militärische Einrichtungen, Bunker, Munitionslager, die verrosteten Stahlträger freigelegt, zerbröckelter Beton, ein paar Informationstafeln, ein Gräberfeld, am Ostseestrand entlang, vorbei an militärischem Sperrgebiet der polnischen Armee, bis hinauf einen kleinen Hügel mit einem Denkmal im Typ des sowjetischen Realismus von 1966. Ein wuchtiges Monument, eine Art Obelisk mit Ausbuchtungen, unten die zermalmten Soldaten mit den Maschinengewehren, oben ein triumphierender Soldat des Heers und einer der Marine.

Die Helden der Westerplatte, die sie hielten, als es schon alles zu spät war. Sie sind hier allgegenwärtig. Sie werden auch als solche verehrt, als Nationalhelden. Sie hatten den Befehl, 12 Stunden durchzuhalten, weigerten sich aber, sich zu ergeben und hielten den Angriffen weitere 7 Tage stand.

Und wenn zwischen der ganzen Heldenverehrung dann doch eine Informationstafel verrät, welchen Preis sie dafür bezahlten: Die verwundeten Kameraden verreckten elendiglich, weil sie von adäquater medizinischer Versorgung abgeschnitten waren, ihre Kameraden wollten oder sollten durchhalten, tagelang. Und da frage ich mich schon, war es das wert? In dieser aussichtslosen Lage? Bezogen auf die Schmerzen und das Sterben der Soldaten und das Leid ihrer Familien, Freunde und Angehörigen, sicherlich nicht. In der Gesamtschau aber, hätte die Welt vor Hitlerdeutschland kapituliert, in was für einer furchtbaren Welt würden wir heute wohl leben?

Dieser Widerspruch ist wohl auch kaum aufzulösen, auch nicht, wenn wir an den europäischen Krieg unserer Zeit denken, der in der Ukraine nach wie vor wütet. Man kann das unmittelbare Leid, die Grausamkeit, das Sterben, das Töten, traumatisieren, verstümmeln, die Trauer, die Zerstörung, das kann man gar nicht aufwiegen, es ist auch nicht zu rechtfertigen. Sofort ist verständlich, wenn Stimmen nach einem Schweigen der Waffen rufen, nach Diplomatie. Sofort, das ist das menschlich sofort zu verstehen und es ist auch sofort zu tun. Um Gottes Willen, lasst die Waffen schweigen! Und wenn schon nicht um seines Willen, dann um der Menschen Willen.

Allerdings man muss sich schon überlegen, was dann kommt. Und man darf nie verwechseln, wer in Wahrheit Aggressor und wer Verteidiger ist. Schließlich hat sich mit dem Angriff auf Polen Hitlerdeutschland angeblich auch nur verteidigt, nun werde zurückgeschossen. Man muss schon so ehrlich sein und sagen, was mit der Ukraine und vor allem mit den Menschen in der Ukraine passieren würde, würden sie sich nicht weiter wehren. Man muss außerdem zu dem Schluss kommen, dass ein Aggressor, der Erfolg hat, sich dadurch ermutigt fühlt und mit dieser Taktik weiterfahren wird. Alles andere ist Augenwischerei, so grausam und im Wortsinne unmenschlich die unmittelbare Situation an der Front und im Hinterland auch ist.

Dieser Widerspruch ist eigentlich überhaupt nicht auszuhalten, wie bietet man einem Aggressor die Stirn aber wie kann man weiterkämpfen, wenn es doch so unsägliches Leid bis in die nächsten Generationen verursacht? Wie viele arme Schweine auf beiden Seiten sollen denn noch verheizt werden, wie viel Blut die Schlachtfelder tränken, wie viele Menschen für ihr Leben physisch und psychisch gezeichnet werden? Wir haben es vergessen in Deutschland, die Traumatisierten und Versehrten leben größtenteils nicht mehr. Und sie waren in dieser Gleichung die Aggressoren, diejenigen, die Europa mit Krieg und Gräueltaten überzogen haben, es gab sie damals wie heute, die Überzeugten, die Mitläufer und die, die gezwungen waren aber macht das im Ergebnis, im Ausmaß des unmenschlichen Leids irgendeinen Unterschied?

Momentan scheint es in Europa nur eine Richtung zu geben, die der Aufrüstung, uns selbst in die Lage versetzen, uns auch ohne die USA verteidigen zu können gegen den Aggressor Russland. Um den Frieden zu bewahren. Jetzt könnten wir natürlich darüber philosophieren, ob das Gleichgewicht der Abschreckung wie auch in der Logik des Kalten Krieges gleichbedeutend ist mit Frieden. In der Utopie, die wir anstreben, sicherlich nicht, da hindern uns Atomwaffen, Panzer, Mittelstreckenraketen, Granatwerfer daran, uns dem Weltfrieden zu nähern. Nur, kommen wir auch in der unmittelbaren Situation zu dem selben Urteil? Halten wir es aus, da vielleicht teilweise zu anderen Schlüssen zu kommen, so schlimm diese Logik auch ist? Wie werden wir friedensfähig?

Ein Beispiel aus dem jüngsten Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien: Gängige Auffassung ist, dass Aserbaidschan diesen Krieg auch aufgrund der Drohnen gewonnen hat, denen die Armenier nicht so viel entgegenzusetzen hatten. Nun kann man zu dem Schluss kommen, Armenien hätte also Drohnen und Drohnenabwehrsysteme beschaffen müssen zur Abschreckung, dann wäre vielleicht kein großer Konflikt ausgebrochen. Andererseits, würde es Drohnen nicht geben, vielleicht hätte Aserbaidschan diesen Krieg nie begonnen. Beides ist vermutlich wahr. Man kann eine Krieg nicht ohne Waffen führen, aber man kann sich ohne sie auch nicht gegen einen Aggressor verteidigen.

Auf der Westerplatte gab es ein paar Fressbuden, auch solche mit Touristennepp und es liefen ein paar Jungen herum mit ihren Spielzeugwaffen und eiferten den Helden der Westerplatte nach. Das fand ich vollständig daneben, aber wer bin ich als Deutscher, die Polen zu kritisieren, das geht nicht, nicht in diesem Kontext, das muss die polnische Gesellschaft unter sich ausmachen. Aber so etwas geht auch mit der Militarisierung einer Gesellschaft einher. Es bleibt nicht folgenlos, aufzurüsten, dem Militär wieder einen höheren Stellenwert in der Gesellschaft zu geben, Uniformierten das Bahnfahren kostenlos zu ermöglichen, das verändert langfristig auch das Denken, das ist ja auch erklärtes politisches Ziel, Erhöhung der Sichtbarkeit der Bundeswehr und die Verankerung in der Mitte der Gesellschaft. Aber wie lange, bis einer künftigen politischen Führung und einem Land irgendwann die eigene militärische Stärke nicht doch zu Kopf steigt? Wie lange, bis es nicht mehr nur um Abschreckung, Verteidigungsfähigkeit, eigene Sicherheit geht? Wer garantiert uns, dass uns das nicht wieder passiert? Wir sehen doch die Großmannssucht in der Welt, das imperiale Streben Russlands und auch bei China, das gegenüber Taiwan, Japan und im südchinesischen Meer mit dem Säbel rasselt. Auch Demokratien sind davor nicht im Entferntesten gefeit, sehen wir doch eine faschistoide US-Regierung mit dem Oberbefehlshaber der mächtigsten Armee der Welt, der sich Grönland und Kanada einverleiben will. Und schauen wir auch zu uns, wissen wir nicht von unseren Nachbarn, die zunehmend weniger heimlich die Deutschen als das überlegene Volk ansehen und die sich eine ungute „Größe“ und „Stärke“ zurückwünschen? Was ist, wenn wir einmal solche Regierungen haben?

Was können also wir tun, hier, in unserem Alltag? Wir müssen viel früher ansetzen, denn was geht Kriegen voraus? Was ist unbedingt Voraussetzung dafür, dass Menschen ihre Mitmenschen erschießen, verstümmeln, durch Granaten zerreißen, durch Drohnen und Raketenangriffe verbrennen? Wann wird jemand zu solch einem Feind? Sobald man ihn als minderwertig ansieht, sobald man ihn nicht mehr als Menschen betrachtet. Die Propaganda muss hart arbeiten, um über Jahre hinweg den Menschen einzureden, sie seien die Herren der Welt und ihr Gegenüber wertlos oder zumindest minderwertig. Die russische Propaganda hat Jahre dafür gebraucht, um die Grundlage dafür zu schaffen, das Brudervolk anzugreifen.

Passt auf, wo die Entmenschlichung beginnt. Wenn nicht mehr von Menschen sondern nur noch von Gruppen die Rede ist, wenn in bedrohlichen Metaphern geredet wird, dann auch Menschen abfällig mit Tieren gleichgesetzt werden, wenn Moral und Anstand einer Gruppe gegenüber nichts mehr zählt. Da ist es dann schon weit fortgeschritten. Zu jeder Zeit der Geschichte, die Flüchtlingswelle, die uns ertränkt, die Ungläubigen, die man mit Gewalt bekehrt oder denen man das heilige Land entreißen muss, die Wilden, die Unzivilisierten in den Kolonien, die Hochfinanz und Weltverschwörer als antisemitische Chiffren, ja, die Parasiten, das Ungeziefer, das man zertritt. Die Entmenschlichung ist Voraussetzung für dieses ganze Leid. Und das ist das, was wir hier in unserem Alltag jenseits der Weltpolitik auf dem Weg zur Utopie des Friedens tun können und auch müssen:

Vergesst nie und lasst eure Mitmenschen nie vergessen, dass es sich immer um Menschen handelt. Die Aussöhnung und die Verflechtung der Gesellschaften untereinander ist der Weg, deswegen ist auch die Europäische Union trotz aller Fehler das wohl größte Friedensprojekt der Welt. Erinnert die Menschen stets daran, dass nicht nur sie Menschen sind und als solche nicht mehr oder weniger wert sind ihre Mitmenschen. So und nur so werden Gesellschaften als Ganzes langfristig friedensfähig.